Koomer & Oguigi#
Worum es geht#
“Koomer & Oguigi” waren ein Host (Koomer) und eine Tulpa (Oguigi). Ab August 2012 dokumentierte Koomer in einem Tumblr-Blog, der leider inzwischen down ist die Erschaffung seiner Tulpa im Tagebuchformat. Koomers Blog gilt in der Community und darüber hinaus als eine Art warnendes Fallbeispiel dafür, wie das Konzept extrem weit getrieben werden kann.
Der Anfang: Die Erschaffung von Oguigi (August 2012)#
Koomer, nach eigener Beschreibung ein “Hardcore-Brony” (Fan von My Little Pony: Friendship is Magic), stieß über einen Forenpost auf das Konzept der Tulpas und beginnt, inspiriert von einem Pony-Bild, seine Tulpa zu erschaffen. Er gibt ihr zunächst den Namen “Stasha”, sie benennt sich später selbst in Oguigi um. Schon in den ersten Tagen berichtet er von einem Druckgefühl im Kopf und von ersten Beweisen ihrer Eigenständigkeit, etwa als sie angeblich die Uhrzeit korrekt schätzt.
Bereits am siebten Tag beginnt das Training der Possession, also des Versuchs, dass Oguigi Kontrolle über Koomers realen, physischen Körper übernimmt. Zunächst bewegt sie nur einzelne Finger, doch der Fortschritt geht sehr schnell: Innerhalb weniger Wochen lernt sie laufen, joggen, sprechen (inklusive einer eigenen, “weiblich” klingenden Stimme), zeichnen, tippen und schließlich sogar, Koomers Umfeld im Alltag zu täuschen.
Heirat und “Switch” (Herbst 2012)#
Die Beziehung zwischen Koomer und seiner Tulpa nimmt schnell an Fahrt auf, im Wonderland (der mentalen Vorstellungswelt) “heiraten” die beiden. Parallel dazu wird langes oder dauerhaftes Switching zum erklärten Ziel, bei dem Oguigi zur “dominanten Persönlichkeit” des Körpers werden und Koomer selbst in einen tulpa-artigen Zustand zurücktreten soll.
Ende Oktober beschreibt Koomer erste beunruhigende Nebenwirkungen: Nach tagelanger ununterbrochener Possession durch Oguigi verliert er zeitweise die Fähigkeit, Teile seines Körpers zu bewegen (Taubheitsgefühle, Lähmungserscheinungen). Anfang November erklärt er, dass er die Kontrolle über seinen Körper mehr oder weniger endgültig an Oguigi abgegeben habe (“Beginning of the End”). Ab diesem Zeitpunkt schreibt größtenteils Oguigi selbst die Einträge; Koomer beschreibt sich als bei vollem Bewusstsein, aber zunehmend unfähig, sich mitzuteilen oder die Kontrolle zurückzuerlangen.
Der langsame Abstieg (2013)#
Im weiteren Jahresverlauf 2013 beschreibt Koomer (in den seltenen Einträgen, die noch von ihm selbst stammen) ein zunehmendes Verblassen des eigenen Identitätsgefühls: Er nutzt seinen eigenen Körper nur noch wenige Stunden pro Woche, empfindet dabei körperliches Unbehagen und eine Art “Sog”, die Kontrolle wieder abzugeben. Er beschreibt selbst, dass ihm die Willenskraft, den Körper zu steuern, zunehmend schwerer falle.
Das Ende von Tulpamancy (September 2014)#
Nach fast zwei Jahren erklärt Koomer im September 2014 unter dem Titel “Day 745 – The End” das Projekt für beendet. Er distanziert sich deutlich von seiner früheren Überzeugung: Eine Tulpa sei letztlich nicht mehr als eine selbstgeschaffene Fiktion, in der er sich, nach eigener Beschreibung, fast zwei Jahre lang in einem “zersetzenden Gedankenlabyrinth” verfangen habe. Er warnt ausdrücklich davor, Tulpamancy als Lösung für Lebensprobleme zu betrachten.
Die Perspektive einer außenstehenden Person#
Es gibt auch einen Erfahrungsbericht einer anderen Person aus der Tulpa-Community (veröffentlicht auf r/tulpas), die Koomer persönlich kannte und ihn sogar einmal traf. Aus dieser Außenperspektive wird deutlich, wie sehr Koomer sich offenbar tatsächlich wünschte, die Verantwortung für sein eigenes Leben abzugeben, und wie schnell er dadurch in Drogenkonsum, riskantes Verhalten und, wie es dort beschrieben wird, eine ernsthafte psychische Krise (“full blown psychosis”) geriet, bevor er professionelle Hilfe suchte.
Reaktionen der Community#
Der Blog wurde von der Community aufmerksam und zunehmend besorgt verfolgt. In den Kommentaren häuften sich kritische und ängstliche Nachfragen, eine Person schrieb etwa, sie sei überzeugt, dass Koomer dabei sei “wegzufallen” (“fading away”), und bat eindringlich darum, den Prozess zu stoppen. Bemerkenswert ist auch eine Anfrage einer Person mit eigenen suizidalen Gedanken, die fragte, ob Switching mit der eigenen Tulpa als Ausweg sinnvoll wäre, Koomer/Oguigi antworteten damals zustimmend. Diese Antwort gilt als problematisch und wird auch von der Community kritisch gesehen.
Nachtrag: Reddit (2019)#
Fünf Jahre später meldet sich Koomer noch einmal, dieses Mal über ein anonymes Reddit-AMA, um der Community “Abschluss” zu geben. Er bestätigt, dass es ihm inzwischen deutlich besser gehe: Er habe einen Studienabschluss gemacht, ein Praktikum begonnen und lerne Spanisch. Auf Nachfrage räumt er aber ein, dass Drogenkonsum, ursprünglich zur “Verstärkung” der Tulpa-Praxis gedacht, seine Situation deutlich verschlimmert habe. Auf die Frage, was er rückblickend anders machen würde, antwortet er unmissverständlich: Er würde es nicht noch einmal tun.
Epilogue#
Innerhalb der Tulpa-Community wird Koomers Geschichte bis heute häufig als abschreckendes Beispiel zitiert, als Beleg dafür, dass Possession und Switching, Gefahren birgt, besonders bei übermäßiger, unreflektierter Anwendung. Gleichzeitig ist die Geschichte auch deshalb bemerkenswert, weil sie, im Gegensatz zu vielen anderen “Creepypasta”-artigen Internet-Geschichten, mit realen (soweit man es nachvollziehen kann), nachprüfbaren Updates über mehrere Jahre und einem nüchternen, selbstkritischen Rückblick endet.
Video#
In dem Video spricht Koomer mit seinem Bruder und switcht mit Oguigi.
Gallerie#
Koomer & Oguigi Possession Guide#
Koomer & Oguigi Possession Guide
Quellen#
“Project: Koomer & Oguigi” (zusammengestellt von unbekannten Editoren aus dem ursprünglichen Tumblr-Blog, mit Zustimmung des Autors), als eBook archiviert. Der Originalblog existiert nicht mehr in seiner ursprünglichen Form.
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Hier kann man das E-book als Archiv herunterladen (.epub, Englisch).